:: Kapitel 1 Szene 1 ::
:: Sonntag, der 13. September 1998 ::
:: Kaoru ::
Es ist der erste Tag der Woche: Die Grillen zirpen laut im Bambus, der langsam im Wind seine Blätter hin und her tanzen lässt. Ein kleines Bächlein ergießt sich aus einem Gebirge aus Steinen, welches zwischen Moos und roten Ahornblättern ruht. Es ist einer dieser Spätsommertage, an denen die Luft fast unerträglich stickig zu sein scheint. Zwischen den wiegenden Blättern ist es sehr feucht, von Zeit zu Zeit hört man einen Tropfen auf einen Stein plätschern. Einer jener Tropfen, welche sich aus der Luftfeuchte speisen und langsam über die Blattnarben rinnen, um beim Sprung in die Tiefe jenes Blatt zum Erzittern zu bringen.
Hinter der Terrasse sind jedoch andere Geräusche zu vernehmen. Kartons werden zugeklebt, Schranktüren quietschen. Alles wird demontiert und verstaut, jener erste Tag der Woche ist mein letzter Tag in diesem Haus und damit Oosaka. Ich lege die Hände auf den Schoß und atme ein letztes mal den Geruch des nassen Mooses ein, so gut ich kann. Ich bin ehrlich zu mir, diese Krankheit hat sich die letzten Jahre nicht gebessert. Ich muss nach wie vor täglich diese Medikamente nehmen, die mein Arzt, Dr. Takaguchi¹, mir verschreibt. Er sagt ich brauche die Medikamente, damit meine Bauchschmerzen mich nicht umbringen. Doch seit ich dieses neue Medikament einnehme, welches er mir seit zwei Monaten verschreibt, fühle ich mich immer schwächer. Ich hatte schon immer leichtes Asthma, nun aber spüre ich wie mein Kreislauf von Woche zu Woche labiler wird. Ich nehme ein Stofftaschentuch aus meinem Schlafrock und wische mir die Stirn. Der Atem geht schwer, ich schließe die Augen, um auf andere Gedanken zu kommen.
Ich denke an mein neues zu Hause. Wie sieht es wohl aus? Ich habe von Vater gehört, dass es an der See liegen soll. Dr. Takaguchi ist der Meinung, die Meeresluft wird mir gut tun und mein Asthma und die Kreislaufbeschwerden lindern. Nachdem Mutter starb, sind Vater und ich hierher gezogen. Vater arbeitet im großen Forschungszentrum, schon soweit ich mich zurückerinnern kann. Es liegt wohl auf Shikoku, Vater bleibt immer für einige Tage weg wenn er auf Arbeit fährt. Zu Hause sitzt er dagegen meistens vor seinem Computer, ich verstehe nicht was er dort tut und er sagt immer es ist auch gut so.
Nun aber, da es mit meiner Krankheit nicht gut steht, hat Vater sich entschlossen mich zu meiner Tante zu schicken. Er sagt, er zieht wohl nach Shikoku, um besser arbeiten zu können. Meine Tante hat eine Tochter. Vater sagt, ich habe mit ihr zusammen im Kindergartenalter gespielt. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern.
Ein Meer von Tropfen wird von den Blättern geschüttelt, ich sehe einen rotbraunen und buschigen Schwanz durch den Ahornbaum huschen. Ich reibe mir die Augen und strecke die Arme in die Luft. Langsam richte ich mich auf. Ich drehe mich um und gehe ins Haus. Es ist ein modernes Haus, überall ist Technik, ich verstehe sie nicht. Ich stelle mir das Haus meiner Tante völlig altmodisch vor, wie in den Filmen die mir Vater aus der Stadt mitbringt. Ich kann mir nicht helfen, der Gedanke lässt mich lächeln. Es ist ein bitteres Lächeln, denn ich kenne das Haus meiner Tante nicht und sage mir, wie Dr. Takaguchi immer betont: Ich sollte meinen albernen Träumen keinen Glauben schenken. Ich gehe in die Küche und setze mir einen Tee an, grün mit Bambus, meine Lieblingssorte. Ich werde sie vermissen, denn Vater ist der Meinung ich sollte den Tee nicht mitnehmen. Er ist immer ganz pingelig, wenn es um Lebensmittel geht.
Die Uhr an der Wand schaut mich an, als wollte sie sagen, ich habe keine Zeit mehr. Ich setze mich mit der Tasse an den Tisch und verinnerliche in mir noch ein mal den Geschmack des Hauses. Dann steige ich die Treppe hinauf in mein Zimmer, es ist leer. All meine Sachen sind bereits verpackt und im Wagen verstaut. Nach einigen Blicken in alle Ecken wende ich mich wieder dem Flur zu und betrete das Badezimmer. Ich muss mich noch einkleiden, bereits in einer Stunde werde ich losfahren. Ich schaue in den Hof hinaus, dort steht die schwarze Limousine, welche mich nach Toukyou fahren wird. Der Fahrer lehnt an der Wagentür und beißt in ein Reisbällchen, welches er davor aus einer kleinen Plastikbox genommen hatte. Ich konnte Menschen schon immer schlecht einschätzen, ich weiß also nicht, was ich von ihm halten soll. Aber Vater hat ihn ausgesucht, deswegen werde ich ihm vertrauen.
Ich wende mich also erneut dem Waschtisch zu. Ich streife meinen Schlafrock ab und betrachte mich im Spiegel. Alles normal, denke ich. Dann greife ich nach dem Duschkopf, um mir die Haare zu waschen. Nach dem Fönen kleide ich mich schließlich an. Wie immer Jeans und Kragenhemd. Ich schaue noch einmal aus dem Fenster, sehe mich im Haus um und atme ein letztes mal den Geruch der auf dem Wasser treibenden dunkelroten Ahornblätter ein.
1: Dr. med. Saburou Takaguchi, Facharzt für Psychiatrie, Therapeut mit Privatpraxis
der gesamte Text © Cornelia S.
ich werde jetzt nach und nach Szenen aus meinem Roman hier veröffentlichen, und dabei an aktuellen weiter schreiben, wobei ich leider in letzter Zeit kaum dazu gekommen bin, da ich mit Haushalt für 4, Therapie und "meinem neuen Date" genug um die Ohren habe ...

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