~ Dies ist die Fortsetzung von Szene 1 ~
:: Kapitel 1 Szene 2 ::
:: Am Vortag ::
:: Samstag, der 12. September 1998 ::
:: Hanako ::
Diese erneut nervige Schulwoche ist nun fast zu ende. Die Sommerferien gingen wirklich viel zu schnell vorbei, jetzt heißt es wieder den ganzen Tag herum sitzen und Lernen. Aber ich finde ja, da sollte der Spaß wirklich nicht zu kurz kommen. Heute ist Sonnabend, ich werde also wieder mit Tsubasa¹ und Ryou² den Nachmittag verbringen. Ich muss die beiden unbedingt mal wieder zum Karaoke zerren, am besten ich frage noch – huch! Ich habe wohl etwas geträumt und nun hat mich Herr Sato³ an die Tafel gerufen! Wie peinlich!
Ich schlendere also nach Schulschluss gemütlich aus dem Gebäude. Hinter mir sind Tsubasa und Ryou, sie streiten sich mal wieder darum, welches Model am niedlichsten ist und bei welchen sie mich einsortieren würden. Ich sage ihnen, durch die neusten Vergleiche ganz verlegen, dass sie damit aufhören und sich besser darauf vorbereiten sollten mit mir auszugehen. Während Ryou seine Stimme senkt, schlägt Tsubasa vor heute abend auch die Spielhalle aufzusuchen. Ryou ist davon nicht sehr begeistert und macht den Gegenvorschlag einen Film anzusehen. Ich sage ihnen also, dass es mir egal ist und fordere sie auf meine Schultasche zu tragen. Tsubasa besteht darauf dies zu tun und willigt dafür ein ins Kino zu gehen. Die beiden sind schon ein lustiges Pärchen, denke ich bei mir und muss darüber lachen, woraufhin sie mich nur verständnislos anblicken. Da sich unsere Wege an der Kreuzung, in welche meine Wohnstraße mündet, trennen, verabschiede ich mich von ihnen und renne mit meiner Schultasche in der Hand nach Hause.
Sobald ich jedoch das Tor durchschreite, kommt mir wieder etwas in Erinnerung, etwas wichtiges, was ich total vergessen hatte: Morgen kommt meine Kusine! Ich bin aufgeregt, ich sollte doch heute mein Zimmer aufräumen. Ach, das mache ich morgen früh, sage ich zu mir und merke mir, heute früher als sonst nach Hause zu gehen.
Dann betrete ich das Haus, Mutter ist bereits von Arbeit zurück, ich höre sie im Wohnzimmer den Staubsauger benutzen. Ich gehe also direkt die Treppe nach oben in mein Zimmer, um mich umzukleiden. In Unterwäsche stehe ich vor dem Kleiderschrank und gehe in Gedanken mögliche Kombinationen durch. Ich bin unschlüssig, ob ich mich eher schwarz kleiden soll, oder doch lieber das hellgrüne Oberteil nehmen sollte. Ich denke wieder an meine Kusine. Ich habe sie seit wir im Kindergarten zusammen spielten nicht mehr gesehen. Mutter erzählte mir, sie lebt bei ihrem Vater in einem Vorort von Oosaka. Sie sagt, es steht nicht gut um ihre Gesundheit. Ich versuche mich an ihren Namen zu erinnern, dabei fällt mir aber statt dessen ein, dass ich meinen neuen Rock noch gar nicht getragen habe. Ich gehe also meinen Kleiderschrank durch und suche passende Stücke zusammen. Nachdem ich mich angezogen habe, gehe ich die Treppe hinab in die Küche und nehme mir etwas Joghurt aus dem Kühlschrank. Mutter sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa, ich setze mich zu ihr. Sie fragt mich, wie es in der Schule gelaufen ist und ob ich heute ausgehen möchte. Ich erzähle ihr, dass ich mit Tsubasa und Ryou ins Kino gehe, worauf sie mir aber entgegnet, dass sie gerne meine helfende Hand hätte, um im ganzen Haus für Ordnung zu sorgen und Kaorus⁴ Zimmer sauber zu machen. Kaoru, das war der Name meiner Kusine, nach dem ich fragen wollte.
Ich erzähle ihr, dass ich mich noch gut daran erinnern kann mit Kaoru im Kindergarten gespielt zu haben und frage sie nach den Gründen für ihr Kommen. Mutter schweigt kurz, dann erzählt sie von der Zeit als Onkel noch in Toukyou wohnte. Ebenso erzählt sie, wie Tante Kaedes Gesundheit immer schwächer wurde und Onkel nach Nara zog, um Tante vor Ort in einer speziellen Klinik behandeln zu lassen. Da ich diese Geschichte schon einige male gehört habe, unterbreche ich sie und frage sie nach Kaorus Gesundheitszustand. Wieder schweigt sie kurz, als ob sie überlegen muss was sie sagen soll. Das weckt ein beklemmendes Gefühl in mir, aus welchem eine Vorahnung erwächst. Schließlich sagt Mutter, Kaoru habe einen angeborenen Herzfehler, so dass ihr Kreislauf nicht akkurat arbeitet. Darauf weiß ich nicht, was ich antworten soll und sage ihr statt dessen, dass ich mir Kaoru als blasses schüchternes Mädchen mit langen schwarzen Haaren und tiefen Augen vorstelle. Zu meiner Verwunderung sieht mich Mutter irritiert an. Dann fragt sie mich, ob ich denke, dass Kaoru ein Mädchen* sei. Ich bejahe natürlich ihre Frage und erzähle ihr von einer Szene aus meiner Zeit mit Kaoru, die mir in Erinnerung geblieben ist. Ich weiß nicht, warum gerade diese Szene erhalten geblieben ist, jedoch sehe ich mich und Kaoru vor meinem inneren Auge in leichten Sommerkleidern am Strand hocken und im Sand spielen. Erneut schweigt Mutter, kommt aber alsbald zu dem Schluss mir zu sagen, dass sie sich an keinen Strandausflug mit mir und Kaoru erinnern kann. Ich finde es äußerst suspekt, dass meine Erinnerung mir einen Streich spielt und versuche mir Kaoru als Jungen vorzustellen. Mutter entschuldigt sich es mir nicht erzählt zu haben und sagt, sie sei davon ausgegangen, dass ich mich an ihn erinnerte.
Ich stehe also auf um die Debatte zu beenden und blicke auf die Uhr. Mutter erhebt sich ebenfalls und sagt mir ich solle nicht all zu spät wieder zu Hause sein. Dann greift sie nach dem Staubsauger und schickt sich an den Flur zu saugen. Ich gehe ins Badezimmer und mache mich noch einmal frisch, bevor Tsubasa und Ryou aufkreuzen, um mich abzuholen.
Wie konnte ich mich da täuschen? Aber an wen habe ich mich denn da erinnert?
1: Tsubasa Watanabe, Oberschüler; Fitness- und Fußballclub
2: Ryouichi Kobayashi, Oberschüler; Fitness- und Leseclub
3: Takuma Sato, Lehrer für Geschichte und Japanisch der Oberstufe
4: Kaoru Kawashima, Senior der Mittelstufe, Hausunterricht, Sportbefreiung
der gesamte Text © Cornelia S.
* Im Japanischen gibt es keine Personalpronomen, weswegen man, wenn man über jemanden spricht, nicht direkt erkennen kann, um welches Geschlecht es sich handelt.

Hi,
AntwortenLöschenHab jetzt beide Teiler der Geschichte gelesen die du bisher auf deinem Blog veröffentlicht hast, und mir gefällt dein Stil sehr gut :D Ich finde es toll dass du im Präsens schreibst, und in der Ich-Form, da fühlt man sich den Charakteren irgendwie verbunden.
Ich bin schon gespannt wie es weitergehen wird, und hoffe du postest noch mehr davon hier :D
Danke :) Ich werde mich bemühen bald den 3. Teil zu veröffentlichen.
AntwortenLöschenEs tut gut zu hören, dass anderen die eigene Arbeit gefällt :3