~ Dies ist die Fortsetzung von Kapitel 1 Szene 2 ~
~*~ Kapitel 2 ~*~
Was zuvor geschah ...
Kaoru machte sich auf das alte Heim zu verlassen, um sich zu seiner Tante nach Toukyou zu begeben. Kaorus Vater verkaufte das Haus, um die Erinnerungen an seine verstorbene Ehefrau hinter sich zu lassen und um näher an seine Arbeitsstelle zu ziehen. Gleichzeitig soll das etwas frischere Klima in Toukyou seinen Gesundheitszustand verbessern.
Hanako dagegen freut sich auf die Ankunft Kaorus und verwechselt ihn anscheinend mit einer Sandkastenfreundin.
:: Kapitel 2 Szene 1 ::
:: Noch am selben Tag ::
:: Sonntag, der 13. September 1998 ::
:: Kaoru ::
Das Auto setzt sich in Bewegung, wir fahren los. Ich blicke nach hinten auf das Haus, als das Auto sich aus der Einfahrt bewegt. Nach einer Weile drehe ich mich wieder herum und schließe die Augen, um die Erinnerung an das Haus und den beruhigenden Garten in mein Gedächtnis zu brennen. Ganz automatisch schweifen meine Gedanken dabei ab und ich sehe die Tage nach Mutters Tod wieder vor meinen Augen flattern. Ich erinnere mich an die Melodie, die mir Mutter damals, als ich noch klein war, immer zum Einschlafen vorsang. Ich summe sie leise nach und gleite dabei in ein melancholisches Gefühl ab, in welchem ich mich wieder an Mutters letzte Worte erinnere. Sie sagte zu mir, siehst du, mir wachsen heute Nacht neue Flügel. Mit einigen Tränen in den Augen schlafe ich ein.
Ich spüre wie ich auf dem Polster hin und her geworfen werde, ich erwache und öffne meine Augen. Ich sitze noch immer in dem Wagen, und spüre nun bewusst die Erschütterungen der schlecht asphaltierten Straße. Ich blicke über meine linke Schulter aus dem Fenster. Der Wagen bewegt sich auf einer Landstraße, an meinem Fenster huschen Bäume vorbei, große Schatten, welche die mir ins Gesicht scheinende Spätsommersonne kurz verdecken. Ich schließe erneut meine Augen und verfolge den regelmäßigen Wechsel von Licht und Schatten auf meinen Augenliedern. Doch der schnelle Rhythmus macht mich nervös und ich drehe meinen Kopf zur Wageninnenseite.
In meinen Gedanken gehe ich noch einmal die Abfahrt durch und überlege, ob ich auch nichts vergessen habe. Mir fällt allerdings nichts auf, was ich vergessen haben könnte. Ich öffne die Augen und mein prüfender Blick wandert nun zu meinem Arzneibeutelchen, welches ich just aus meinem Ärmel ziehe, um dessen Inhalt noch einmal zu überprüfen. Dr. Takaguchi hatte mir gleich meine Medikamente für den ganzen nächsten Monat mitgegeben, damit ich keinen Engpass bekomme, falls etwas mit meinen neuen Arzt in Toukyou schief läuft. In meinem Arzneibeutelchen befinden sich von jedem Medikament noch eine fast volle Schachtel. Der Rest ist in meinem Arzneikoffer im Kofferraum des Wagens. Damit bin ich beruhigt, ich habe nichts vergessen, denke ich bei mir und wende mich wieder der Landschaft zu.
Der Wagen fährt neben Feldern entlang, hinter denen ich einige Berge und kleine Häuschen gen Himmel streben sehe. Ich male mir aus, wie lange es wohl schon her ist, seit dem ich gemeinsam mit Vater und Mutter in der Natur picknicken war. Vielleicht drei oder vier Jahre, ich habe das Gefühl ich wusste gar nicht mehr von der Schönheit der Wiesen, der Felder, der Berge und der Wälder. Meine Gedanken schweifen ab, ich male mir aus, wie die Leute in solchen Gegenden wohl so leben. Ich habe gehört, dass fern der Großstädte kaum noch junge Leute wohnen und so die dünnbesiedelten Gebiete immer verlassener werden. Am Horizont taucht hinter einem Berg ein alter Industriekomplex auf. Ich stelle mir vor, wie verlassen es auf dem stillgelegten und inzwischen von Pflanzen und Tieren besiedelten Gelände wohl sein mag. Birken wachsen aus halb zerstörten Dächern, Moos bedeckt zerbrochenes Fensterglas und Schwalben bauen Nester zwischen verrosteten Dachgiebeln. So schwebe ich in Gedanken durch die leeren Hallen und Verladeanlagen, vorbei an zerstörten Strommasten und verrosteten Maschinenteilen. Als der Komplex hinter einem bewaldeten Berghang verschwindet, kehren meine Gedanken zurück in den Wagen. Ich schaue in den Rückspiegel, der Fahrer schaut angestrengt nach vorn, während er den Wagen durch eine S-Kurve manövriert.
Und so kehren meine Gedanken wieder zu meinem zukünftigen Heim zurück. Ich denke an Tante Sachiko(1) und versuche einige Erinnerungen an sie hervor zu holen. Ich weiß, dass sie Vaters jüngere Schwester ist und ich früher wohl oft bei ihr gewesen bin. Als ich klein war, war sie glaube ich noch Studentin, obwohl sie eine Tochter in meinem Alter hat. Doch ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, denn mit vier oder fünf Jahren bin ich mit Mutter und Vater aus Toukyou weggezogen. Tante Sachiko habe ich seit dem zwar einige male gesehen, aber so genau kann ich sie gar nicht beschreiben. Ich denke, ich würde sie wiedererkennen, das ist aber auch schon alles.
Ich schlage mein linkes Bein über das rechte, um meine Nervosität zu senken. Ich bin gespannt, wie ich wohl aufgenommen werde. Ein wenig fühle ich mich, wie wenn man auf eine Urlaubsreise geht. Mir ist dabei fast schlecht vor Verzücken, ich werde mich aber wohl oder übel überraschen lassen müssen, was so auf mich zu kommt.
Ich schaue erneut aus dem Fenster und versuche mich von meiner Aufregung abzulenken. Die Fahrt wird schließlich mit Sicherheit noch eine Weile andauern.
1: Sachiko Kawashima: Illustratorin für ein Josei-Magazin

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